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Antisemitismus, Versuch einer Definition
Pogróm
Wie alles begann: Grundstein für ein Terrorregime
30. Januar 1933 • Beginn eines Terrorregimes
Die ‚Nürnberger Gesetze’ • Wegbereiter zum Holocaust

 

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Pogróm

 

Teil 1: Definition & Geschichte von Pogrómen

 

Teil 2: Wirtschafts-und Judenpolitik der Nationalsozialisten

Verquickung von Kriegsvorbereitung und Wegbereitung der Novemberpogrome

Eine Wirtschaftspolitik, in der Verquickung der damaligen Politik gegen die jüdischen Mitbürger, entlarvt eine Kriegsvorbereitung. Die Novemberpogrome entstanden nicht durch den ‚Volkszorn’ sondern auch durch eine gezielte Wirtschaftspolitik. Um die Gesamtsituation besser zu verstehen, hier ein kleiner Einblick in ein gesamtwirtschaftliches Denken:  

Fälle von Gewalttätigkeit gegen Juden gab es auch vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. Während der Hyperinflation 1923 kam es im Berliner Scheunenviertel zu antisemitischen Ausschreitungen.

1931 organisierte der SA-Führer und spätere Polizeipräsident Wolf-Heinrich von Helldorf antijüdische Krawalle in Berlin. Unmittelbar nach der Machtergreifung folgten am 11. März 1933 der „Warenhaussturm“ in Braunschweig sowie der landesweite Judenboykott vom 1. April 1933.

Mit dem Berufsbeamtengesetz und dem Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft, die beide am 7. April 1933 in Kraft traten, verloren im Jahre 1933 etwa 37.000 Juden ihre berufliche Existenz in Deutschland.

Danach flaute die Verfolgung zunächst ab. Jüdische Unternehmen wurden zeitweise ausdrücklich nicht benachteiligt, um sensible Wirtschaftszweige nicht zu schädigen. Im März 1935 leitete Julius Streicher jedoch eine weitere Hetzkampagne gegen Juden ein, um die Bevölkerung auf strikte „Rassentrennung“ einzustimmen. Die Nürnberger Gesetze legalisierten diese im September. Zwar stieg die Zahl jüdischer Ausreiseanträge danach nicht wieder an; aber viele jüdische Unternehmer gaben dem Druck nach und verkauften ihre Firmen weit unter Wert oder schieden aus deren Leitung aus. Davon profitierten vor allem Warenhauskonzerne wie Horten und Finanzinstitute wie die Deutsche Bank oder die Dresdner Bank.

1937 zeichnete sich ein Kurswechsel von der schleichenden Verdrängung der Juden aus der deutschen Privatwirtschaft zu ihrer schnellen Zwangsenteignung durch den Staat ab. Im Januar forderte der „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler erstmals öffentlich die „Entjudung Deutschlands“, die das 25-Punkte-Programm der NSDAP 1920 als Ziel benannt hatte. Sie könne am besten durch Mobilisierung des „Volkszorns“ bei Ausschreitungen erreicht werden. Im Oktober wies das „Kampfblatt“ der SS, Das Schwarze Korps, auf die angeblich ungeschmälerte Macht der Juden in Handel und Industrie hin. Diese sei nicht länger zu dulden: Heute brauchen wir keine jüdischen Betriebe mehr.

Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht hatte wiederholt gegen Streichers Boykottkampagnen protestiert, weil sie den Handel störten, Preis- und Währungsstabilität, Deviseneinnahmen und damit die deutsche Wiederaufrüstung gefährdeten. Er wurde am 27. November 1937 abgelöst. Kurz darauf organisierte Streicher* einen Weihnachtsboykott gegen jüdische Geschäfte, und Schachts Übergangsnachfolger Hermann Göring wandelte das Wirtschaftsministerium in ein „Exekutivorgan zur Durchführung des Vierjahresplans“ Em. Zum Jahresbeginn 1938 lag das offizielle staatliche Haushaltsdefizit bei zwei Milliarden Reichsmark. Die Schuldenaufnahme stieß an ihre Grenzen. Walther Bayrhoffer vom Reichsfinanzministerium fürchtete, das Reich würde zahlungsunfähig, da die Mefo-Wechsel zur Aufrüstung 1938 fällig wurden. Das hätte die Kriegsvorbereitung gefährdet, die nun verstärkt wurde. Hitler enthob Reichskriegsminister Werner von Blomberg und den Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, am 4. Februar 1938 ihrer Ämter und übernahm selbst das Oberkommando der Wehrmacht.

Am 26. April erließ Göring ein Gesetz, das alle Juden des Reiches zwang, ursprünglich bis zum 30. Juni, später bis 31. Juli verlängert, ihr gesamtes Vermögen, sofern es 5.000 Reichsmark überstieg, detailliert beim Finanzamt offen zu legen. Man schätzte ihr Gesamtvermögen auf 8,5 Milliarden, den Anteil an liquiden Wertpapieren auf 4,8 Milliarden Reichsmark. Das NS-Regime plante deren Zwangsumtausch in deutsche Staatsanleihen, um diese gegen Devisen im Ausland zu verkaufen. So sollte das Haushaltsdefizit verringert und die Vertreibung der Beraubten ins eusland finanziert werden.

Am 14. Oktober kündigte Göring im Reichsluftfahrtministerium ein gigantisches Rüstungsprogramm an. Dieses sei jedoch durch das Staatsdefizit und begrenzte Produktionskapazitäten erschwert. Die Privatwirtschaft müsse daran mitwirken, da man andernfalls zur staatlich gelenkten Planwirtschaft übergehen werde. Die „Arisierung“ sei nun unumgänglich und allein Sache des Staates…

 

Teil 3: Reichspogromnacht 9. & 10. November 1938

 

Die Novemberpogrome 1938 waren das Fanal für den späteren Holocaust, das sich wie ein Menetekel seit den letzten fünf Jahren abzeichnete. Die Drangsalierungen, Enteignungen oder Entrechtungen fanden in diesen zwei Tagen ihre sichtbare, grausame Fratze; von der nun keiner in Deutschland mehr sagen konnte, dass er davon keine Kenntnis hatte. Bezogen auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch (Reichs-)Kristallnacht oder Reichspogromnacht genannt, waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich, landauf – landab.

Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, Bet-Stuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden geschändet beziehungsweise zerstört. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in der Shoah an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten mündete.

Mit einem kurzen Blick vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Politik der Jahre zuvor, die dann in dieser inszenierten Eskalation mündete: Am 17. August 1935 hatte die Gestapo die Einrichtung einer reichsweiten „Judenkartei“ angeordnet, um die deutschen Juden regional und lokal zu erfassen und zu überwachen. Am 28. März 1938 entzog ein Gesetz den Israelitischen Kultusgemeinden den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“. Das degradierte sie zu Vereinen ohne öffentliche Rechtsansprüche, deren Gebäuden kein staatlicher Schutz mehr zustand. Nach der Dritten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. Juni 1938 konnte angeordnet werden, dass jüdische Betriebe „von einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt ab ein besonderes Kennzeichen” führen mussten. In Berlin wurden jüdische Geschäftsinhaber noch im selben Monat angewiesen, ihre Namen in weißen Buchstaben am Schaufenster anzubringen. Die Zerstörung und Plünderung während der Pogromnacht wurde dadurch erleichtert. Zum Jahrestreffen des Allgemeinen Rabbinerverbandes in München am 8. Juni 1938 erhielt die dortige jüdische Gemeinde den Befehl, die Synagoge nebst Gemeindehaus dem Staat abzutreten und binnen 24 Stunden zu räumen. Am Morgen des 9. Juni begann der Abriss. Im August wurde auch die Nürnberger, ab September die Dortmunder Synagoge abgerissen. Das Reichssicherheitshauptamt forderte  Listen vermögender Juden von Finanzämtern und Polizeirevieren an. Diese zwangen die jüdischen Rabbiner per Vorladungen dazu, Namen und Adressen ihrer Gemeindemitglieder weiterzugeben. Am 14. Juni mussten jüdische Gewerbebetriebe sich registrieren lassen, am 15. Juni ließ Kurt Daluege als Chef der Berliner Polizei etwa 1.500 Juden bei Razzien festnehmen und in KZs bringen. Juden mussten seit dem 23. Juli 1938 zudem „Kennkarten“ bei sich tragen, seit dem 17. August die Zweitnamen „Israel“ (Männer) oder „Sara“ (Frauen) annehmen und seit dem 5. Oktober ihre Sonderausweise mit einem roten J abstempeln lassen. Diese Kennzeichen ermöglichten einerseits schnelle Verhaftung und Deportation, andererseits flächendeckende Enteignung Es bebschiebung der Juden. Bis Oktober 1938 wurden die drei bisher größten deutschen KZs in Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen stark ausgebaut, so dass sie nunmehr zehntausende Gefangene aufnehmen konnten. Obwohl in Dachau bis dahin keine Juden inhaftiert waren, erhielt die Lagerleitung dort am 25. Oktober den Befehl, 5.000 Judensterne auf Häftlingskleider zu nähen. Zusätzliche Matratzen und Stroh wurden angeliefert.

Am 3. November erfuhr der in Paris lebende siebzehnjährige polnische Jude Herschel Grynszpan, dass auch seine ganze Familie nach Zbąszyń vertrieben worden war. Er besorgte sich einen Revolver und schoss damit am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft auf den der NSDAP angehörenden Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath. Dieser erlag am 9. November seinen Verletzungen. Grynszpans genaues Motiv ist unbekannt. Er gab im Verhör „Rache“ für das Leiden seiner Eltern bei deren gewaltsamen Abbschiebung an. Er wollte eigentlich den Botschafter erschießen, traf dann aber vom Rath. 1942 in deutscher Haft sagte er aus, er habe sein Opfer zuvor in der Pariser Homosexuellenszene kennen gelernt. Daraufhin ließ Propagandaminister Joseph Goebbels den jahrelang geplanten Schauprozess gegen ihn, der das „Weltjudentum“ als angeblichen Auftraggeber des Mords „beweisen“ sollte, verschieben. Schließlich sagte Hitler den Prozess ganz ab. Grynszpan wurde vermutlich im KZ Sachsenhausen umgebracht. Die NS-Führung benutzte das Attentat als willkommenen Anlass, um der unzufriedenen Parteibasis Gelegenheit zum Handeln gegen jüdisches Eigentum zu geben und die Juden beschleunigt dann auch gesetzlich aus dem deutschen Wirtschaftsleben auszuschalten.

Noch am 7. November gab das Deutsche Nachrichtenbüro, eine zentrale Institution der Presselenkung im NS-Staat, eine Anweisung heraus, die Meldung über das Attentat sei in allen Zeitungen „in größter Form herauszustellen“ und es sei besonders „darauf hinzuweisen, dass das Attentat die schwersten Folgen für die Juden in Deutschland haben muss“. Die Nachricht vom Attentat auf den zuvor weitgehend unbekannten Diplomaten vom Rath erreichte die deutsche Öffentlichkeit erst am 8. November 1938 durch die Tagespresse. Bereits am Spätnachmittag des 7. November begannen jedoch in Kurhessen und Magdeburg-Anhalt die ersten Übergriffe gegen Juden, ihre Wohnungen, Geschäfte, Gemeindehäuser und Synagogen. Die Täter waren Angehörige von SA und SS. Sie traten in Zivilkleidung auf, um wie normale Bürger zu wirken und die übrige Bevölkerung zum „Volkszorn“ wegen des Attentats in Paris aufzuhetzen.

Im Leitartikel des Völkischen Beobachters stand:

„Es ist klar, dass das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, dass in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als 'ausländische' Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken, während ihre Rassegenossen draußen zum Krieg gegen Deutschland auffordern und deutsche Beamte niederschießen. […] Die Schüsse in der deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal für diejenigen Ausländer sein, die bisher nicht erkannten, dass zwischen der Verständigung der Völker letztlich nur der internationale Jude steht.“
 
Die Nacht 9. auf den 10.November

Hitler hatte vom Rath sofort nach dem Attentat um drei Klassen zum Botschaftssekretär I. Klasse befördert. Am 9. November nahm er nach dem Gedenkmarsch für den Hitler-Ludendorff-Putsch an einem Essen einem Kameradschaftsabend der Parteiführung mit Alten Kämpfern im alten Rathaus in München teil. Dort erfuhr er die Nachricht vom Tod des Diplomaten. Sofort besprach er sich während des Essens mit dem gleichfalls anwesenden Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Dann verließ er die Versammlung, fuhr in seine Privatwohnung und hielt sich in den folgenden Tagen nach außen hin zurück. Goebbels machte anschließend gegen 22.00 Uhr vor den versammelten Partei- und SA-Führern die Nachricht bekannt. Er benutzte den Tod zu einer antisemitischen Auslegung des Attentats, in der er „die Jüdische Weltverschwörung“ für den Tod vom Raths verantwortlich machte. Er lobte die angeblich „spontanen“ judenfeindlichen Aktionen im ganzen Reich, bei denen auch Synagogen in Brand gesetzt worden seien, und verwies dazu auf Kurhessen und Magdeburg-Anhalt. Er äußerte, dass die Partei nicht als Organisator antijüdischer Aktionen in Erscheinung treten wolle, aber diese dort, wo sie entstünden, auch nicht behindern werde. Die anwesenden Gauleiter und SA-Führer verstanden dies als indirekte, aber unmissverständliche Aufforderung zum organisierten Handeln gegen jüdische Häuser, Läden und Synagogen. Nach Goebbels' Rede telefonierten sie gegen 22:30 Uhr mit ihren örtlichen Dienststellen. Danach versammelten sie sich im Hotel „Rheinischer Hof“, um von dort aus weitere Anweisungen für Aktionen durchzugeben. Goebbels selbst ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. Diese wiederum gaben entsprechende Befehle an die Mannschaften weiter, in denen es etwa hieß:

„Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. […] Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. […] Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text: ‚Rache für Mord an vom Rath. Tod dem internationalen JudentEm. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.‘ Dies kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei.“
 

Der Chef der Gestapo-Abteilung für Regimegegner, Heinrich Müller, sandte um 23:55 Uhr ein Blitzfernschreiben an alle Leitstellen der Staatspolizei im Reich: Die Sicherheitsdienste sollten sich heraushalten: „Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.“ Polizei und SS waren demnach eine Stunde nach der SA über die angeordneten Pogrome informiert, die seit 23:00 begonnen hatten. Sie sollten diese zu der längst geplanten Internierung wohlhabender Juden nutzen. Nachdem Himmler neue Rekruten der Waffen-SS vereidigt hatte, erteilte er die „näheren Anordnungen“ Heydrich, der diese um 1:20 Uhr seinerseits als Blitzfernschreiben an alle Untergebenen sandte. Darin bekräftigte er das Verbot zu plündern, den Schutz für Nachbargebäude vor Bränden und ergänzte, dass Ausländer, auch jüdische nicht zu belästigen seien. Die Zahl der Festzunehmenden ließ er offen: „Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können.“ Die Leitung der Zerstörungen oblag den örtlichen Propagandaämtern der NSDAP. Sie beriefen die SA-Ortsgruppen ein, die ihre Mitglieder instruierten und in Marsch setzten, um die Befehle auszuführen.

In Nürnberg z.B. wurden sie wie in den meisten deutschen Städten nach Augenzeugenberichten wie folgt umgesetzt: „Zuerst kamen die großen Ladengeschäfte dran; mit mitgebrachten Stangen wurden die Schaufenster eingeschlagen, und der am Abend bereits verständigte Pöbel plünderte unter Anführung der SA die Läden aus. Dann ging es in die von Juden bewohnten Häuser. Schon vorher informierte nichtjüdische Hausbewohner öffneten die Türen. Wurde auf das Läuten die Wohnung nicht sofort geöffnet, schlug man die Wohnungstür ein. Viele der ‚spontanen‘ Rächer waren mit Revolver und Dolchen ausgestattet; jede Gruppe hatte die nötigen Einbrecherwerkzeuge wie Äxte, große Hammer und Brechstangen dabei. Einige SA-Leute trugen einen Brotbeutel zur Sicherstellung von Geld, Schmuck, Fotos und sonstigen Wertgegenständen, die auf einen Mitnehmer warteten. Die Wohnungen wurden angeblich nach Waffen durchsucht, weil am Tage vorher ein Waffenverbot für Juden veröffentlicht worden war. Glastüren, Spiegel, Bilder wurden eingeschlagen, Ölbilder mit den Dolchen zerschnitten, Betten, Schuhe, Kleider aufgeschlitzt, es wurde alles kurz und klein geschlagen. Die betroffenen Familien hatten am Morgen des 10. November meistens keine Kaffeetasse, keinen Löffel, kein Messer, nichts mehr. Vorgefundene Geldbeträge wurden konfisziert, Wertpapiere und Sparkassenbücher mitgenommen. Das schlimmste dabei waren die schweren Ausschreitungen gegen die Wohnungsinhaber, wobei anwesende Frauen oft ebenso misshandelt wurden wie die Männer. Eine Anzahl von Männern wurde von den SA-Leuten unter ständigen Misshandlungen und unter dem Gejohle der Menge zum Polizeigefängnis getrieben. […] Am anderen Morgen wurden gegen 4 Uhr morgens alle [der zuvor inhaftierten] Personen unter 60 Jahren nach Dachau abtransportiert.“

Die unmenschliche Behandlung der in das KZ Buchenwald Eingelieferten beschrieb detailliert z. B. der Augenzeuge Eugen Kogon. Sie mussten etwa im folgenden Winter mit bloßen Händen den Schnee im Lager räumen; Notamputationen der erfrorenen Gliedmaßen verweigerte der SS-Lagerarzt: Für Juden stelle ich nur Totenscheine aus.“ Gemäß der offiziellen Version wurde die Deportation in die KZs der Bevölkerung als „Wiederherstellung der Ordnung“ dargestellt, um „den Volkszorn in staatliche Bahnen zu lenken“.

Parallel dazu ließ Goebbels im Rundfunk seit dem frühen Morgen des 10. November in halbstündigen Intervallen die Aufforderung verbreiten, „von weiteren Demonstrationen und Vergeltungsaktionen sofort abzusehen.“ Dennoch kam es in kleineren Orten bis zum 11., vereinzelt sogar bis zum 12. und 13. November noch zu Ausschreitungen; sei es aus einer Eigendynamik heraus, sei es, weil die Radionachricht nicht empfangen worden war oder ignoriert wurde.

Polizisten kümmerten sich nicht um die tätlichen Übergriffe auf die jüdischen Mitbürger, sie sahen weg. Feuerwehrleute löschten keine Brände, sondern ließen Gebäude niederbrennen. Nachbarn halfen nicht, sondern schwiegen und sahen weg. ‚Normale’ Bürger entwickelten sich zum Mob und plünderten ganz ohne Reue. Die Menschen, die mit dieser Entwicklung nicht völlig einverstanden waren – diese zogen sich schweigend zurück.

Doch eins ist völlig gewiss: Ob in der Großstadt, einer Kleinstadt oder im ländlichen Raum, ganz gleich wo jemand zuhause war, jeder wusste nun Bescheid. Aus dieser Verantwortung konnte und kann sich keiner herausreden.

Teil 4: Der Novemberpogrom 1938 · Der Tag danach

Erlebnisbericht von Josepha von Koskull 1898-1996 aus Berlin

Am 10. November 1938 war jener furchtbare Tag, als auf Goebbels Gebot die jüdischen Geschäfte zerstört und geplündert und jüdische Mitbürger auf der Straße geschlagen, ja getötet und die jüdischen Gotteshäuser in Brand gesteckt wurden. Nahe von der Bank, in der ich arbeitete, war das Konfektionsviertel, der Sitz der »Haute Couture« von Berlin, die vor dem Kriege sehr bedeutend war und viel für den Export nach den nordischen Ländern arbeitete.

Die Inhaber dieser Modehäuser waren meist Juden. Als ich um sechzehn Uhr aus dem Bankgebäude herauskam, hörte ich wüstes Schreien und Brüllen, man plünderte die Stofflager der Konfektionshäuser. Mir wurde ganz übel dabei, aber ich hatte immer noch die Instinkte einer Journalistin, ich musste dabei sein, wenn etwas so Aufregendes, so Einmaliges in Berlin geschah.

Wenn ich heute daran zurückdenke, nachdem ich die entsetzlichen Kriegsjahre in Berlin überlebt habe, kommt mir die Plünderung nicht mehr so grausig vor, aber damals war es ein Eindruck, der höllisch war. Aus den obersten Stockwerken warfen SA-Männer ganze Stoffballen herunter, die schönsten bunten Seiden wehten wie lange Fahnen an den Häuserfronten herab, unten stand die johlende Menge und riß sie an sich. Man sah Leute, die die Ballen in Autotaxen packten und mit ihrer Beute wegfuhren. Manchmal wurde ein Eimer Wasser herunter gegossen, um die Menge auseinander zu jagen, dann warfen die SA-Männer die Schreibmaschinen herunter, die in Stücke zersplitterten. Die Polizei stand untätig dabei.

Ein Auto mit hohen SA-Führern fuhr ganz langsam durch das Menschengedränge, die Herren sahen sich um und lachten laut und herzlich. Ich war zutiefst angewidert. Ich dachte: »Wer Wind sät, wird Sturm ernten«. Eine auf der Straße liegende Scherbe Fensterglas hob ich auf, zum Gedenken an diesen Tag, da Berlins Straßen voller Glas lagen.

Ich stieg in die U-Bahn, nach Hause zu fahren. Aber wieder zwang es mich, am Wittenbergplatz auszusteigen. In der Tauentzienstraße ging es noch toller her. Die herrlichen Auslagen der Luxusgeschäfte waren schon leer geraubt, nun warfen die Zerstörer die Waren aus den Lagern dem Publikum zu. Mir flogen mehrere Dutzend Seidenstrümpfe vor die Brust. Ich warf sie zu Boden. Als ich mich dann bückte, auch hier ein Stück Spiegelscherbe aufzuheben, war es mir peinlich. Man hätte den Eindruck haben können, ich habe da einen Brillantring aufgehoben.

Wie viele Glasscherben sind seit jenem »Tag des deutschen Kristalls« in Berlin auf die Straße herabgeregnet. Und doch habe ich noch die beiden Scherben, von denen ich jetzt schreibe.

Als ich verwirrt und entrüstet nach Hause kam in die stille Vorstadt, die von diesem Lärm und Geschrei, von diesen Untaten noch nichts wusste, erwartete mich mein Freund Ri. Ich kannte ihn schon seit 1924, wir hatten zusammen bei der Zeitung gearbeitet. Er war jetzt Direktor bei einer großen Bank. Ri war einer von jenen Deutschen, die sehr viele Kenntnisse hatten, ohne doch ein kluger Mensch zu sein. Als Süddeutscher hatte er zudem einen gefährlichen Hang zur Sentimentalität, die von echtem Gefühl so verschieden ist.

Er war überzeugter Nationalsozialist, wie er früher einmal überzeugter Demokrat gewesen war. Es hatte ihm einige Mühe und auch Geld gekostet, Aufnahme in die Partei zu finden, denn er hatte sich nicht etwa in den »Kampfjahren«, sondern erst nach der »Machtübernahme« an sie herangemacht. Seit kurzem trug er mit großem Stolz das »Bonbon«, soll heißen: das Parteiabzeichen am Rockaufschlag. Er war SA-Mann und trat bei jeder Gelegenheit an, das heißt marschierte zu irgendwelchen Aufmärschen mit. Wir stritten uns erbittert, sobald wir auf das Gebiet der Politik kamen. Er verübelte mir meine Freundschaft mit den jüdischen Beermanns, er brachte mir nationalsozialistische Bücher zum Lesen, wollte mich durchaus bekehren und zum Eintritt in die Partei überreden. Er sagte mir stets, ich hätte so »große Chancen« als Parteimitglied. Zum wenigsten sollte ich in die »Frauenschaft« eintreten. „Josi, du darfst nicht außen stehen. Du musst dich anschließen. Siehst du denn gar nicht, was unser Führer will?“ „O doch!“ sagte ich.

Unser Verhältnis beruhte auf einer Hass-Liebe, die oft dauerhafter bindet als Liebe. Wir trennten uns unter Verwünschungen, mieden uns wochenlang, trafen uns wieder, begruben den Streit und umgingen jenes Thema, das unsere Gegnerschaft erweisen musste. Gemeinsame Interessen banden uns, doch es war eine Kluft zwischen uns aufgetan seit jenem unglückseligen Januar 1933. Ich nannte ihn einen Opportunisten, er mich eine Judenfreundin und Kommunistin. Wir hatten aber beide nicht die Kraft, uns ganz voneinander los zu machen.

An diesem Abend traf ich nun zum ersten Mal auf Verständnis für meine Ansichten. Auch Ri fand das, was da in der City geschah, abscheulich und unerhört. Der gute Bürger in ihm empörte sich gegen diese Vernichtung von Werten. Er rechnete aus, welch ein Schaden den Versicherungsgesellschaften durch die Glasschäden und andere Verluste entstehen würde. Aber dann meinte er doch abschließend: „Davon weiß der Führer nichts, das ist Goebbels Werk!“

Beermanns telefonierten, ich sollte rasch kommen. Sie waren sehr in Unruhe. In einem lange nicht mehr geöffneten Wandschrank hatten sie die Jagdflinten des längst verstorbenen Kommerzienrats gefunden. Waffen in einem jüdischen Hause! Das konnte schreckliche Folgen haben. Wir berieten, was zu tun sei. Dann wurde Verpackungsmaterial gekauft und es wurden große Pakete verschnürt. Am nächsten Abend fuhr ich mit einer Taxe vor und holte sie ab. Dem Chauffeur sagte ich, es seinen schmiedeeiserne Lampenfüße. Ich fuhr mit den Paketen zur Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs Zoo, nach einer halben Stunde holte ich sie von dort wieder ab und brachte die Waffen in meinen Keller. Damals erschien mir dieser Waffentransport wie ein aufregender Schmuggel.

Dann wurde befohlen, dass die Juden alle ihre Gold- und Silbersachen abliefern mussten. Meine Freunde kauften altes Tischsilber, zwei Zentner, die lieferten sie gegen Quittung ab; das sehr schöne Silber für achtundvierzig Personen nahm ich in Verwahrung, ebenso die sehr wertvollen Juwelen der alten Kommerzienrätin. Sie hatte den Schmuck zum Glück nicht in einer Versicherung gegen Diebstahl, so gab es keine Listen, auf Grund deren die Nazis ihn hätten anfordern können.

Von diesen Dingen durfte Ri nichts wissen. Es war ein Glück für mich, dass Frau Schramm, meine Mitbewohnerin, judenfreundlich war. Sie hatte als Köchin in einem reichen jüdischen Haus gedient und ließ nichts auf jüdische Herrschaften kommen. Sonst aber war sie ziemlich überzeugt von der Richtigkeit alles dessen, was Hitler tat. Sie hielt den »Völkischen Beobachter«, und ich war recht zufrieden, dass das Abonnement auf ihren Namen lief. Lange Jahre hatten wir ein demokratisches Blatt gehalten. Der in unserem Haus wohnende »Zellenwart« hatte sie jedoch überredet, das Blatt des Führers, den »Völkischen Beobachter« zu bestellen. Ich lehnte es ab, überhaupt eine Zeitung zu halten, sagte stets, ich bekäme ja alle Zeitungen in der Bank zu lesen. Dort las ich täglich den »Temps«, die »Times« und »Svenska Dagbladet«.



Diese Personen sind mit der Seite »Index der Täter« verlinkt. 

Bild 1: Judenprogrom i. Mittelalter – Quelle Wikipedia · Bild 2: Judenhetze 1614 i. Frankfurt – Quelle: jüdische-Geschichte-Hamel.de · Bild 3: Russischer Progrom – Quelle: flickr.com · Bild 4: Plaktklebende SA – Quelle: planet-wissen.de · Foto 1: Kaufhaus Wertheim – Quelle: Bundesarchiv · Foto 2: Deutsche Bank – Quelle: preussen-chronik.de · Foto 3: Berliner Synagoge – Quelle: stefanjacob.de · Foto 4: Schreiben v. Heydrich – Quelle: NS-Archiv.de · Foto 5: Herschel Gryspan Quelle: fireballs-land.de · Foto 6: Reichspogromnacht – Quelle: letmathe.de · Foto 7: Reichspogromnacht m. Zuschauern – Quelle: einestages Spiegel. de · Foto 8: Josepha v. Koskull – Quelle: chm.de · Foto 9: Plünderungen in Berlin – Quelle: welt.de · Foto 10: Berliner Gedenktafel – Quelle: oorlogmusea.nl·



 
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